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Lesung vom 10.06.2003 im Kunsthaus Meran/o
Ich habe meinen Mann zu Tode gebissen.
So beginnt der letzte Roman von Nadja Niedermair. Und so beginnt auch die Geschichte von Anna Kowalski, für die es der einzig folgerichtige Schritt war, mit einer archaischen Tat ihre qualvolle Liebesgeschichte unwiderruflich zu lösen. Um dann, in einem Zustand befreiender Euphorie mit der Leiche ihres Mannes ein halbes Jahr zu leben; zermürbt von Erinnerungen und zunehmend in die Enge getrieben von den Verwesungsgerüchen der Leiche, dem Gestank der gärenden und faulenden Säfte ihres Geliebten, die schließlich stärker werden als der Duft des Flieders, der Anna Kowalski noch eine kurze Atempause gönnt, bevor sie endgültig die Freiheit verliert, um im Untersuchungsgefängnis auf ihren Prozess zu warten.
An dieser Stelle wird die Handlung des Romans mit der Einführung eines zweiten Protagonisten raffiniert gebrochen. Nadja Niedermair erzählt nun aus der Perspektive des Gerichtspsychologen, der sich mit der Geschichte Anna Kowalskis befasst. Seine Frau hat ihm soeben eröffnet, dass sie einen Liebhaber hat. Von Anbeginn an ist er von der kettenrauchenden Kowalski fasziniert und gleichzeitig irritiert.
Rasch entzieht diese ihm das wohlvertraute Muster einer Therapie-Stunde.
Sein Ziel war es, aus dem Mosaik ihrer Worte das Motiv für ihre atavistische Bluttat zusammenzusetzen. Doch die Sitzungen entwickeln sich zur irrealen Vorlesung eines Textes, in denen die Gattenmörderin das Leben des Verblichenen minutiös, zynisch und immer beklemmender vorbeiziehen lässt. Sie erzählt darin von patenten Müttern, nicht ausgelebtem Inzest, von Samenflecken, denen selbst der Weiße Riese nicht ankommt, geschlagenen Wunden, unzähligen Trennungen und Versöhnungen und der perfiden Kunst des Stummen Neins.
Trauer und Zorn der Kowalski verweben sich mit der Hilflosigkeit des Therapeuten, dem der Glauben an seinen Beruf abhanden kommt. Doch schließlich ist er es, der im Flieder ein Symbol für Hoffnung sieht.
Nadja Niedermair, geboren in Linz, Oberösterreich, gründete 1983 das Kabarett Niedermair, eine politisch-satirische Kleinkunstbühne in Wien.
1987 Debütroman „Du bist so herrlich skrupellos, Bianca“ bei Ullstein
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